Frauen reisen anders

“Warum probiert ihr nicht einfach einmal Hitchhiken aus?”, will Timon uns zwei Mädels überreden. Amy und ich schauen uns an. Wir wissen, warum es uns nicht so leicht fällt, uns einfach an den Straßenrand zu stellen und auf eine nette Mitfahrgelegenheit zu warten. Wir sind Frauen. Ganz einfach.

Wie es sich als alleinreisende Frau in einem muslimischen Land anfühlt, habe ich ja schon ausführlich beschrieben. Auch, dass es dort hin und wieder zu eigenartige Zwischenfälle kommen kann, wie auf Lombok während des Mopedfahrens und auf Sabah an den Stränden, konntet ihr bereits lesen. Australien und Neuseeland waren regelrechte Urlaube, was das Thema betrifft. Aber nun bin ich hier auf Samoa und es ist wieder ganz anders. Auch auf Fiji durfte ich so einiges erleben…

Meine katholische Hostmutter auf Wayalailai in Fiji ermahnte mich täglich, dass ich meine Schultern zu bedecken hab. “Und häng dir deinen Sarong um die Hüften!” Mir war heiß und ich schwitzte unter meinen Kleidungsschichten, aber Sitten sind nun einmal Sitten und ich wollte kein Aufsehen erregen. In dem Dorf, in dem ich ein paar Tage verbringen durfte, schlagen die Uhren halt noch etwas anders.

Ich denke immer noch, dass es daran lag, dass ich alleine hier war und unverheiratet bin. Die Frauen der hier urlaubenden Pärchen wurden nie ermahnt und durften auch Schulterfrei durch das Dorf spazieren.

Und obwohl ich mich peinlichst daran hielt, hatte ich das Gefühl immer angeschaut zu werden. Ich hatte nur seit Südost-Asien dazu gelernt und bin direkter geworden. Mittlerweile nutze ich meine Neugierde und frage die Männer direkt, was sie damit bezwecken, ob sie Pornos mit weißen Frauen schauen und ob sie sich eine weiße Frau als Ehefrau wünschen.

Die Pornosache ist es auf den Fijis anscheinend nicht. Es gibt nur wenig bis gar kein Internet und das bisschen Internet nutzen sie begierig für Facebook. Aber anscheinend finden manche Männer etwas attraktiv, dass sie bei einheimischen Damen nur schwer finden können – weiße Haut. Die Menschen hier sind etwas dunkler als die anderen polynesischen Inseln. Vielleicht scheint es deswegen auf den Fiji Inseln modern zu sein, eine europäische Frau zu heiraten.

Da es diese Hochzeiten gibt, scheint es auch eine gewissen Anziehung in uns Damen zu geben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die jungen Männer hier darüber bescheid wissen. Den Flirtspruch “Wanna try fijian choclate? If you tried it once, you never want to have something else…!” habe ich mehr als nur einmal gehört. Da er jedesmal ziemlich rasch über die Lipper der Herren kam, gehe ich davon aus, dass er normalerweise auch zieht.

Nur leider hatten sie nicht mit mir und meiner neuen Waffe gerechnet. Auf meine rasch folgenden Fragen a lá “Looks more like you got addicted to white pussy!?” und “Is it not allowed in your culture to musturbate?” kamen öfter nur Stotterer und Erstaunen zurück. Teilweise waren die Männer aber auch um Antworten bemüht. Einer stammelte etwas von “Verbinden der Völker”. Hier nehmen sie gerne ihr kanibalische Vergangenheit als Ausrede, um sich davon sozusagen zu entfernen. Aber das kauf ich ihnen sowieso nicht ab.

Als ich ein anderes Mal Sex mit einem Mann ablehnte fragte mich dieser, ob ich denn lesbisch sei, oder noch Jungfrau, oder einfach nur extrem gläubig sei. Dass ich einfach nicht mit ihm schlafen wollte, konnte er anscheinend nicht verstehen.

Apropos Glaube. Die Menschen auf Fiji sind ja, wie ihr bereits wisst, äußerst gläubig.  Die europäischen Missionare haben demnach gute Arbeit geleistet! Gott ist allgegenwertig. Ein Mann wird von einem Hai gebissen? Gott wollte ihn somit für sein Fremdgehen bestrafen! Was sonst?

Wie aber kommt es dann, dass sie Sex vor der Ehe als normal empfinden? Auf die Frage, warum jemand noch nicht verheiratet ist, wurde eigentlich immer mit “I’m still fishing!” beantwortet. Fischen ist somit auch mehr als nur schauen. Meine Hostmama war einmal sogar richtig enttäuscht, als ich mich von einem “romantischen” Lagerfeuer zu zweit “zu früh” zurückzog. Land der Gegensätze.

Fiji war also sehr spannend für mich. Ich fühlte mich, egal in welcher Situation, niemals bedrängt oder unwohl. Ich fühlte mich äußerst geschmeichelt und sah es als einen witzigen Einblick in eine Kultur, den reisende Männer in dieser Art wahrscheinlich eher weniger zu Gesicht bekommen.

Auch hier in Samoa hatte ich schon nette Erlebnisse. Hier habe ich nur eher den Eindruck, dass die Männer etwas überfordert sind. Es gibt nicht sehr viele Touristen und nur vereinzelte alleinreisende Frauen. Ich habe das Gefühl, sie fühlen sich uns gegenüber in einer Gebepflicht, wollen uns eine schöne Zeit bieten.

Als ich am Flughafen ankam, wurde ich, wie auch schon in den anderen Ländern Ozeaniens, nach meinen Gepäckinhalt gefragt. Mitgebrachte Lebensmittel, Pflanzen und “Tierteile” sind strengstens verboten. Der werte Zollbeamte hat mich alles ausräumen lassen, er wollte alles über meine Beziehung zu Samoa und meine Beziehungen zu Hause wissen. Er hat mich immer wieder gefragt, warum ich alleine reise und warum ich hier niemanden kenne und überhaupt und sowieso. Seine Kollegin hat mich dann gerfagt, wie ich ihn denn so finde, ob ich auf Facebook sei und ob ich nicht einen samoanischen Freund haben wolle. Ich stand also hier, alleine, denn alle anderen Flugpassagiere hatten bereits den Flughafen verlassen, vor meiner ausgebreiteten Unterwäsche und bekam die Nummer des Zollbeamten in die Hand gedrückt. Welcome to Samoa!

Als ich später mit meinem Taxifahrer und Freund Clint durch die Straßen Apias spaziert bin, stellte ich mit erstaunen fest, dass die Leute uns nicht nur beobachten, sondern Clint auch alle 10m von anderen Fußgängern angesprochen wird. Nach dem fünften Gespräch wollte ich natürlich wissen, was da los sei. Er erklärte mir, dass ihn bis jeder einzelne von ihnen nach Geld gefragt habe. Mir war schon aufgefallen, dass es hier einige Obdachlose gibt, aber direkt angesprochen wurde ich noch nie, also hakte ich nach. „Die Menschen hier fragen mich, weil sie davon ausgehen, dass ich reich bin!“ – „Wie kommen sie darauf?“ – „Naja, eine weiße Frau geht mit mir.“ Ich war sprachlos. Anscheinend ist das für die Menschen hier die einzige Erklärung, warum eine weiße Frau mit einem Einheimischen die Straße entlang laufen würde.

Schlimmeres hat Amy erlebt. Sie wurde mitten in der Nacht wach und fand einen einheimischen Mann über ihr stehend. Er war offensichtlich betrunken und fragte, ob sie Sex wolle. Sie schrie ihn an, dass er sich verpissen solle. Er meinte anscheinend nur trocken, ob er sie denn nur alleine lassen solle, damit sie sich in Ruhe fingern kann!? Er ging dann zum Glück weg, ihr ist nichts passiert. Sie wurde aber auch schon öfter gefragt, ob sie denn die samoanische Kultur kennen lernen wolle, heute Nacht, in einem romantischen Fale am Strand. Wer möchte das denn nicht…!?

Amy und ich haben beide das Problem, dass alleinreisende Männer unsere Vorsicht nicht ganz nachvollziehen können. Sie dürfen oben ohne durch das Dorf spazieren und niemand stört es. Sie können Autostoppen und werden maximal ihres Geldes beraubt. Sie können bis spät nachts mit den Einheimischen feiern und sich betrinken und werden danach auch noch ins Bett gebracht. Keines dieser Dinge würde ich jemals als alleinreisende Frau machen.

Wir Frauen lernen die Kultur etwas anders kennen, als es die Männer jemals könnten. Wir treffen auf verzweifelte Männer, die schon zu lange nicht befriedigt wurden, die geil auf unsere weißen Brüste sind und werden als prüde bezeichnet, wenn wir keinen Sex wollen und als Schlampe, wenn wir es doch tun. Wir müssen Abende im Hostel verbringen, wenn wir mal niemanden zum fortgehen gefunden haben, müssen brav Bustickets zahlen (Autostoppen ist wirklich nichts für mich…) und uns dort dann neugierig berdängen lassen. Wir werden erinnert, dies und jenes zu tragen und das auf keinen Fall anzuziehen und werden ausgelacht, wenn wir nicht alleine am Strand im Bikini liegen wollen.

Und trotzdem tun wir es – alleine reisen.

Es ist und bleibt trotz alledem die beste Möglichkeit einfach und schnell viele neue Leute aus verschiedenen Ländern kennen zu lernen, das machen zu können, was frau wirklich möchte, ohne Rücksicht nehmen zu müssen und Zeit für uns zu haben, um uns besser kennen zu lernen.

Jedes einzelne Erlebnis hat mir gezeigt, wofür wir Frauen gemeinsam kämpfen müssen – Freiheit über unseren Körper selbst bestimmen zu können! Selbst entscheiden zu dürfen, was wir wann tragen, was wir mit unseren Körper anstellen und die nachfolgenden Vorurteile sein zu lassen sind wichtige Schritte in Richtung Gleichberechtigung! Nicht nur in Asien oder im Südpazifik, auch zu Hause!

Es ist wichtig zu akzeptieren, dass wir Frauen nicht nur für Kochen, Putzen, Sex und gebähren existieren. Jede von uns ist, genau wie Männer, ein eigenständiges Wesen, das das Leben aufs äußerste genießen möchte – ohne Einschränkungen von anderen.

Feminism isn’t about making women stronger. Women are already strong. It’s about changing the way the world perceives that strenght.

G. D. Anderson

 

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