Josef, der Auswanderer

Ich quetsche mich durch den engen Flugzeuggang. 25C. Da muss ich noch ein Stückchen gehen. Als mein Sitzplatz in Blickweite gelangt, sehe ich gleich den netten älteren Herren am Fensterplatz sitzen.

„Hi! I’m going to be your neighbour for the next hours!“, lache ich ihn an. Er grinst zurück und macht meinen Platz frei. Das Flugzeug hat pro Reihe 7 Plätze. Aufgeteilt 2 – 3 – 2, einen Platz mit B gibt es nicht.

Ich lasse mich in den Sessel fallen und frage den Herren gleich, ob er aus Amerika oder aus Deutschland kommt. Es liegt deswegen nahe, da das Flugzeug von Anchorage nach Frankfurt fliegt. Er lacht mich erneut an und meint „Both!“. Das klingt interessant!

Er erzählt mir, dass er 1938 im Schwarzwald geboren wurde und dass ihm sein Lehrer in der Schule unzählige Naturfilme aus aller Welt gezeigt hat. Besonders fasziniert hat ihn die unendlich weit scheinende Natur in Kanada und Amerika. Also hat er angefangen Geld zu sparen, so gut es eben ging. Als er 18 Jahre alt war hat er sich ein Ticket für ein Schiff nach Montréal besorgt und verließ damit sein Heimatland.

Eigentlich wollte er gleich weiter nach Vancouver reisen, aber Montréal habe ihm gleich so gut gefallen, dass er einfach einige Zeit dort geblieben ist. Als gelernter Mechaniker war es einfach für ihn, sich ein günstiges Auto zu besorgen, um dieses dann selbst herzurichten. Damit ist er anschließend quer durch Kanada und die Staaten gereist.

Ein besonderer Naturfilm seines Lehrers ging ihm aber nie aus dem Kopf: die menschenleeren Berge und Seen in Alaska. Schließlich ist er 1964 mit seinem Auto hoch in den Norden gefahren und hat sich in die Landschaft verliebt.

In den 70ern hat er angefangen, mit seinem ersparten Geld in Grundstücke zu investieren. „Schon für 500 Dollar gab es in Palmer (Anm.: kleine Stadt nördlich von Anchorage) aufgeschlossene Parzellen zu kaufen!“, kann er es immer noch nicht gauben. Außerdem hat er sich für 25.000 Dollar 50ha Wald gekauft.

Als er mir das erzählt schaue ich ihn verdutzt an „Wissen sie wie viel das heute Wert wäre?“ Seine schelmischen hellblauen Augen blitzen und er fängt zu lachen an. Eine Antwort bekomme ich nicht wirklich. Die Grundstücke habe er bald darauf für etwas mehr verkauft, den Wald habe er noch immer, es interessiert ihn aber nicht, wie viel der Wert ist. Er wandert gerne Tage lang darin herum, das sei viel mehr wert für ihn als Geld es je sein könnte.

Später habe er dann angefangen die kleinen, privaten Flugzeuge in der Umgebung zu reparieren. Ich hatte schon gehört, dass jeder siebte Bewohner in Alaska den Flugzeugschein hat und jeder achte sogar ein eigenes Wasserflugzeug besitzt. Einige reiche Leute haben sogar eine private Landebahn am See im Garten. Na, wenn’s sonst nix gibt…

Für sein Alter ist er wirklich ein adretter Mann! Seine vollen grau-silbernen Haare sind schön frisiert, vorne etwas erhöht gekämmt, wie es ältere Herren gerne tragen. Falten hat er nur wenige im Gesicht, die einzigen winden sich um seine Augen und zeugen von seiner Freude am Lachen. Seine Augen faszinieren mich am meisten, sie sehen so jung aus, sie leuchten richtig!

Ich sage ihm, dass ich es wirklich toll finde, dass er so jung geblieben ist und herum reist. Er meint nur, dass es genau das ausmacht! „Ich finde es so schade, wenn ältere Leute nur zu Hause sitzen und auf das Sterben warten. Das ist doch vergeudete Lebenszeit!“ Ich gebe ihm recht und zitiere ihm das österreichische Sprichwort „Daham steam d’Leid!“.

Vor lauter tratschen und quatschen vergehen die zehn Stunden Flugzeit wie im nu. Bis mir plötzlich über Amsterdam einfällt, noch gar nicht seinen Namen zu kennen! Schnell frage ich nach. „Josef!“, grinst er mich an, „Und Ihr Name?“ – „Magdalena.“, erwidere ich. „Ein sehr schöner Name! Selten.“ Ich gebe ihm recht und ergänze, dass er auch sehr katholisch sei. Er lacht: „Ja, ich bin auch sehr katholisch erzogen worden. Meine Mutter war sehr fromm, sie ging jeden Tag mindestens einmal in die Kirche, Sonntags sogar 3-4 Mal! Meine Geschwister und ich mussten immer mitgehen!“. Das erinnert mich sogleich an die Dörfer in den südpazifischen Inseln, die ich besucht hatte. Ich erzähle ihm, dass es dort immer noch sehr üblich ist, so oft in die Kirche zu gehen. „In der Natur ist’s doch viel schöner“, sagt er schlussendlich, „die Berge haben es mir wirklich angetan!“ Ich kann es ihm nicht verübeln.

Zum Abschied am Terminal nimmt er meine Hand und legt mir seine andere auf die Schulter „Mach’s gut! Gute Heimreise und alles, alles Gute!“ – „Es hat mich wirklich sehr gefreut Josef! Schöne Tage bei Ihrer Schwester wünsch ich Ihnen! Ich wünsch Ihnen auch alles Liebe und dass sie noch lange so Gesund und fit bleiben!“ Wir lächeln uns noch ein letztes Mal an, bevor er zur Gepäcksabholung abbiegt.

 

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