Wanaka – ein Gletscher, ein See, ein Baum

Da wir Queenstown relativ früh verlassen haben, kommen wir bereits zu Mittag in Wanaka an. Der günstigste Campingplatz liegt etwas außerhalb direkt am See. Quasi im Vorbeifahren reservieren wir einen Platz für die nächsten Nächte. Unser Ziel für heute ist vorerst ein anderes: Der Rob Roys Glacier.

Schon die Pistenstraße auf den Weg zu unserem ersten Gletscher in Neuseeland ist ein Abenteuer für sich. Der Schotterweg ist für besseren Gripp wellenförmig verdichtet, was den Nachteil hat, dass man langsam fahren muss, wenn man nicht aus dem Auto geschleudert werden möchte. Das Amaturenbrett von Jule und unsere Einrichtung prellt auch schon bei 30km/h ausreichend.

So fahren wir gemütlich eine gefühlte Ewigkeit die 30km der unbefestigten Straße entlang und kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Als erstes passieren wir Zwillingswasserfälle, die sich 80m in die Tiefe stürzen. Danach fahren wir das weite Tal des „Matukituki Rivers“ entlang, das ausschließlich von Schafen bewohnt wird. Im Hintergrund blitzen die ersten Schneefelder von den Bergen.

Der 5 km lange Fußmarsch zum Aussichtspunkt der Gletschers beginnt ziemlich urig. Die Wiese hat bereits die spätsommerliche, trockene Farbe angenommen und der Weg schlängelt sich zwischen Steinbrocken und alt wirkenden, kleinen Bäumen bis zu einer Hängebrücke durch.

Direkt nach der Brücke betreten wir einen Regenwald. Ja, richtig gelesen. Typisch Neuseeland. Die Landschaft ändert sich hier so schnell wie der April sein Wetter. Vorbei an tiefen Schluchten, verschiedensten Farnen und moosbewachsenen Bäumen geht es immer tiefer in den Wald.

Nach ca. einer Stunde erreichen wir den „unteren Aussichtspunkt“ des Rob Roys Glacier. Alles wirkt absurd und gleichzeitig ist es einer meiner wunderbarsten Momente. Der Blick wird durch ein Loch im Blätterdach direkt über einen Wasserfall auf den weit darüber liegenden Gletscher gelenkt. Wie eine Wolke scheint er hoch oben am Himmel zu schweben.

Der Pfad führt noch etwas weiter durch den Dschungel, begleitet von unserer Wolke. Etwas später lichtet sich der Wald und wir erkennen unzählige Wasserfälle, die vom Eis gespeist die Bergwände hinunterschießen. Die Sonne scheint direkt über dem Gletscher in unser Gesicht und lässt den warmen Moment erhellen.

Wir sitzen auf den Steinbrocken, die der Gletscher vor tausenden Jahren hier gelassen hat, bestaunen die Eisfelder und lauschen dem tosenden Schmelzwasser. Die Zeit scheint still zu stehen.

Leider ist es doch nicht ganz so, dass die Zeit angehalten wurde und die tiefstehende Sonne mahnt uns umzukehren. Also geht es zurück durch den Regenwald bis wir die Brücke erreichen, weiter über den schrulligen Weg zurück zu unserer Jule.

Nachdem wir den prellenden und längerscheinenden Schotterweg und die „Twin Falls“ hinter uns gelassen haben, wartet auch schon unser reservierter Campingplatz neben dem „Wanaka Lake“ auf uns. Wir gehen bald schlafen um zeitig für unser morgiges Abenteuer aufstehen zu können.

In der Früh erleuchtet die Morgensonne die gegenüberliegenden Hügel des spiegelglatten Sees. Es scheint ein perfekter Tag für unsere heutige Wanderung zu werden und die Vorfreude wächst.

Bereits nach einer halben Stunde auf dem steilen Weg in Richtung „Roys Peak“ bereuen wir die Wahl des heutigen Tages wieder. Die Sonne brennt gnadenlos auf uns herab. Der Weg liegt komplett frei von jäglichen Schattenspendern und so scheint der 8 km lange Pfad zum auf 1578m liegenden Gipfel endlos. Der Aufstieg fühlt sich nicht nur steil an, er ist es auch! Der Parkplatz liegt auf Seehöhe, welcher ca. 200m über Meeresspiegel liegt.

Alle Wanderer scheinen sich höflich um die wenigen Schattenplätze zu rangen. Immer wieder sieht man junge Leute unter winzigen Streuchern hocken und gierig Wasser trinken. Kaum verlassen sie ihren Unterschlupf, sitzen auch schon die nächsten dort. Und ich muss gestehen, der Gedanke aufzugeben um nicht von der Hitze verprutzelt zu werden kommt öfter als nur einmal in meinen Kopf. Auch Manu scheint vom Erreichen des Gipfels eher abzusehen. 300m darunter liegt ein netter Aussichtspunkt, der es ja auch tun könnte.

Kurz vor dem Aussichtspunkt verlassen uns aber jägliche Kräfte und wir beschließen bereits hier etwas zu jausnen. In der Mittagshitze und schattenlos verspeisen wir unseren Proviant. Ich kann gar nicht beschreiben, wie deliziös der gekochte Erdäpfel, das harte Ei und der Paradeiser geschmeckt haben.

Motiviert geht es die letzten Meter hoch. Der Blick gleitet über den wolkenlosen Himmel und den ruhigen See. Die Bergspitzen glänzen und der Rob Roys Glacier leuchtet hervor. Wir schauen wehmütig zum Gipfel und Manu und mein Blick treffen sich. Wir grinsen. „Probier mas?“ – „Probier mas!“

eigentlich schon nicht schlecht, der Ausblick hier…

 

Das Adrinalin schießt durch uns und schneller als gedacht haben wir den steilen Aufstieg hinter uns gebracht. Es ist unbeschreiblich. In aller Gesichter erkennt man die Erleichterung und den Stolz. Es fühlt sich an wie nach einer Geburt – der Schmerz scheint vergessen und das Glücksgefühl nimmt Überhand. Manu und ich sitzen einfach nur da und genießen den weitreichenden Ausblick.

Nach und nach begeben sich die Wanderer wieder in Richtung Parkplatz und plötzlich haben wir den Peak ganz für uns alleine. Es fühlt sich an, als würde uns der Wanaka-See, all die Berge und auch der Roys Peak nur uns gehören.

Es wird langsam Abend und die ersten Leute, die am Berg übernachten wollen, treffen ein. Wir beneiden sie um den Sonnenuntergang und den Sonnenaufgang, den sie von hier oben bestaunen können, wollen aber, wie auch schon beim Gertrude Saddle in der Nähe des Milford Sound, nicht tauschen, die ganzen Campingsachen hier rauf tragen zu müssen.

Langsam und gemütlich gehen Manu und ich im Schatten des Berges wieder zurück hinunter. Unsere Füße sind schwer und nach einiger Zeit fühlt sich das Bergabgehen wie eine Qual an. Der Tag ist einfach schon zu lang. Wir motivieren uns gegenseitig und fangen an, von möglichen Abendessen zu träumen. Pizza essen gehen klingt heute besonders verlockend. Vom imaginären Pizzaduft geleitet schaffen wir es tapfer zu Jule zurück.

Wir sehen auf die Uhr, es ist bereits 8 Uhr abends! Wir waren Sage und Schreibe 10 Stunden unterwegs! Laut Hinweistafel bräuchte man 6-7 Stunden hin und zurück. Manu und ich haben 7 Stunden nur für den Aufstieg benötigt! Wir geben der Hitze die Schuld und fahren müde und hungrig in die Stadt. Die Pizza schmeckt vorzüglich!

Am nächsten Morgen schlafen wir gemütlich aus, nach zwei Tagen voller Wanderungen haben wir das dringend nötig. Wir fahren in die Stadt und frühstücken zur Abwechslung einmal auswärts, schreiben Postkarten und genießen den sonnigen Tag.

 

Bra Fence etwas außerhalb von Wanaka – ein Zaun voll mit aufgehängten BHs als Aufmerksamkeitszeichen für Brustkrebs

 

Am darauf folgenden Tag wollen wir weiter fahren. Wollen. Leider kommt uns etwas dazwischen.

Als wir von Wanaka hinaus fahren, nehmen wir einen Autostopper in die nächste Stadt mit. Wir tratschen und lachen. Ich biete ihm an, ihn gleich zu seinem Zielort zu bringen und biege in eine Seitenstraße ab. Beim Einparken teile ich Manu und unserem Anhalter mit, dass Jule soeben den 360.000ten Kilometer gefahren ist. Er gratuliert uns herzlich und steigt aus. Manu und ich sind guter Dinge und ich schiebe zurück um Auszuparken. Ein Knall. Ich bremse, schließe die Augen und denke mir nur „Bitte nicht!“. Oh doch. Ich habe einen Baum übersehen, dessen Ast in unsere Richtung steht und die Heckscheibe komplett eingedrückt hat. Scherben überall.

Der Backpacker entschuldigt sich, ich muss lachen „Es ist ganz und gar nicht deine Schuld.“. Manu bleibt ganz ruhig und ich danke ihr gedanklich dafür nicht auszuflippen oder mit mir herum zu schreien. Ich fühle mich etwas gelähmt, mein Kopf scheint auf „Instinkt“ geschaltet zu haben. „Ich befürchte heute müss‘ ma noch mal in Wanaka bleiben. Schau ma, dass ma gleich einen Autospengler oder Mechaniker finden. Keine Sorge, ich zahl den Schaden komplett!“, hör ich mich sagen und bin auch mir selbst dankbar, Ruhe bewahren zu können.

Blöd ist, dass es Samstag Abend ist. Natürlich hat die Werkstatt geschlossen. Auf dem Parkplatz des Mechanikers besichtigen wir den Schaden und beginnen die Scherben von unserem Bett, dem Geschirr und unseren Sachen aufzusammeln. Wir brechen auch die noch im Rahmen haftenden Glasreste heraus. Alle Splitter schmeissen wir in eine Box und achten wirklich peniebelst darauf, keine Splitter auf dem Boden des Parkplatzes zu hinterlassen.

Nachdem wir alles Glas so gut wie möglich weggeräumt haben, kramen wir unsere Plane hervor und kleben das Loch ab. Es scheint auch mit Isolierband gut zu halten. Wir fahren zurück zum Campingplatz, um zu verarbeiten was soeben passiert ist und was das nun für uns bedeutet.

Montag ist Feiertag hier im Bundesland Otago, also nutzen wir die Tage gemütlich um zu lesen, schreiben und zu basteln. Am Dienstag fahren wir zurück zum Mechaniker, der uns mitteilt, keinen Spengler zu haben und schickt uns eine Straße weiter zum „Panelbeater“. Dieser wiederrum teilt uns mit, in den nächsten vier Wochen leider keine Zeit für unsere Reparatur zu haben. Aber wie Neuseeländer nun einmal sind, ist er wirklich sehr nett und berät uns ausgiebig. Der Schaden sei einfach herzurichten, preislich wird es sich zwischen 500$ und 600$ abspielen.

Manu und ich hatten uns schon vorher ausgemacht, sollte der Preis mehr als 700$ (= ca. 460€) betragen, fahren wir mit der Plane weiter und verkaufen das Auto günstiger. Außerdem, sollte der Spengler unseren Schaden nicht in den nächsten Tagen herrichten können, fahren wir zurück nach Christchurch und probieren es dort noch einmal. Letzteres hatte uns auch der freundliche Angestellte der Panelbeaters empfohlen.

Also würde es vorerst mit Plane anstatt einer Schreibe weiter gehen.

Wir fahren noch einmal in die Stadt zurück um uns uns ein gutes Tape zu besorgen. Wir kleben die Plane neu an und schaffen es diesmal wirklich vorbildlich, als ob wir es gelernt hätten. Wir schreiben auch noch erste Anfragen per Mail an Firmen in Christchurch bevor wir mit frischem Mut weiter in den Norden fahren.

Es bleibt also spannend!

 

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